Wie die Eisenbahn nach Münster kam

Seit einiger Zeit ist im Bahn­hof von Mün­ster eine Ausstel­lung über die Geschichte des Bahn­hofes zu sehen, die ich konzip­iert habe. Die sechs Ausstel­lungstafeln sind gegenüber dem Drogeriemarkt im Bahn­hof­s­ge­bäude zu sehen.

Auf­grund der pos­i­tiv­en Reak­tion möchte ich nun die Geschichte des Bahn­hofes in meinen Blog erzählen. In den näch­sten Wochen wer­den daher an dieser Stelle immer wieder einige Texte erscheinen, die unter­schiedliche Abschnitte der Bahn­hof­s­geschichte beleucht­en.

Fahrplan 1848

Mün­ster-Hamm, Fahrplan 1848

Der erste Bahn­hof in Mün­ster wurde 1848 eröffnet. Doch schon lange vorher war Mün­ster von ein­er Eisen­bahn-Euphorie ergrif­f­en wor­den, die damals in ganz Deutsch­land ver­bre­it­et war.[1]

Bere­its 1831 schlug Johann Her­mann Hüf­fer als Vertreter der Stadt Mün­ster im Prov­inzial­land­tag vor, eine Eisen­bahn­lin­ie von der Lippe bei Hamm über Mün­ster zur Ems vor. Zu ein­er detail­lierten Pla­nung kam es indes nicht, weil die preußis­chen Regierung an der wirtschaftlichen Tragfähigkeit der Eisen­bahn­lin­ie zweifelte.

In eini­gen Städten zwis­chen Köln und Min­den grün­de­ten sich stattdessen sog. Eisen­bahnkomi­tees, die den Bau ein­er Eisen­bahin­lin­ie von Köln nach Min­den forderten, um so das Rhein­land mit der Nord­see und Berlin zu verbinden. Tat­säch­lich erhielt die sog. »Rheinis­che Bahn« sehr bald die königliche Genehmi­gung, mit konkreten Pla­nun­gen und ersten Vorar­beit­en zu begin­nen. David Hanse­mann, Aach­en­er Woll­händler und Direk­tor der »Rheinis­chen Bahn«, bereiste daraufhin die wichtig­sten Orte ent­lang der möglichen Streck­en­ver­läufe.
Mün­ster­ische Poli­tik­er und die Kauf­mannschaft der Stadt set­zten sich für einen Anschluss Mün­sters an die Köln-Min­den­er Eisen­bahn ein. Die Frage, ob die Eisen­bahn­lin­ie über Mün­ster oder über Hamm geführt wurde, dürfe, so schrieb der »Vere­in der Kauf­mannschaft« in ein­er Eingabe, »für den Han­del und den generellen Verkehr der Stadt Mün­ster unbe­d­ingt eine Lebens­frage genan­nt wer­den«.[Zit. nach: 2, S. 26]

Gle­ich­wohl legte Hanse­mann Ende 1841 den Streck­en­ver­lauf in seinen Grundzü­gen fest, ohne Mün­ster zu berück­sichti­gen; allen­falls eine Stich­bahn von Hamm oder Dort­mund stellte Hanse­mann den Mün­ster­an­ern in Aus­sicht. Diese Entschei­dung wurde bald als »Stunde des Unheils« für Mün­ster beze­ich­net.[Zit. nach: 3, S. 553] Und doch fol­gte diese Entschei­dung ein­er eige­nen Ratio­nal­ität, auf die Mün­ster nur wenig Ein­fluss nehmen  kon­nte. Denn der Aus­bau des Eisen­bahn­net­zes war ein sehr kap­i­tal­in­ten­sives Vorhaben. Von Beginn an musste er auf eine wirtschaftlich solide Basis gestellt wer­den. »Die ersten Pläne«, schreibt der His­torik­er Wis­cher­mann, »richteten sich daher auf die Erschließung der gewerblichen Räume selb­st, d. h. den Bau von Verbindungs­bah­nen zwis­chen Städten und Indus­triege­bi­eten vor allem im ber­gisch-märkischen Raum und dem südlichen Ruhrge­bi­et.«[4, S. 132] Diese wirtschaftlichen Inter­essen des boomenden Ruhrge­bi­etes wogen weit schw­er­er als Inter­essen der mün­ster­ischen Kau­fleute. Die  Rentabil­ität­ser­wartun­gen sprachen ein­deutig für die Streck­en­führung über Hamm.[3, S. 553]

Zwar ver­sucht­en mün­ster­ische Poli­tik­er und Geschäft­sleute die ungün­stige Entschei­dung abzuwen­den, indem sie im Juli 1841 ein mün­ster­isches Eisen­bahnkomi­tee grün­de­ten. Mehrfach protestierte das mün­ster­ische Eisen­bahnkomi­tee gegen die Lin­ien­führung über Hamm – doch der Protest war verge­blich.
Die Eisen­bahn­lin­ie von Köln nach Min­den wurde gebaut, ohne Mün­ster in den  Streck­en­ver­lauf einzubeziehen. Am 20. Dezem­ber 1845 eröffnete die Köln-Min­den­er Eisen­bah­nge­sellschaft die Strecke von Köln-Deutz bis Düs­sel­dorf, am 8. Feb­ru­ar 1846 und am 15. Mai 1847 fol­gten die Abschnitte von Düs­sel­dorf bis Duis­burg und von Duis­burg bis Hamm. Am 15. Okto­ber 1847 wurde die durchge­hende Strecke bis Min­den in Betrieb genom­men.[5, S. 29]

Angesichts dieser Entwick­lung konzen­tri­erte sich das mün­ster­ische Eisen­bahnkomi­tee auf die zweitbeste Lösung für Mün­ster: die Ein­rich­tung ein­er Stich­bahn von Hamm nach Mün­ster. In der Mis­chung aus Trotz, Bürg­er­stolz und Eisen­bah­ne­uphorie gelang es dem  mün­ster­ischen Eisen­bahnkomi­tee das notwendi­ge Kapi­tel durch Aktien aufzubrin­gen.

Am 25. Mai 1848 die Eisen­bahn­lin­ie Münster–Hamm schließlich mit ein­er Fes­t­fahrt in Betrieb genom­men. Bere­its am Tage nach der feier­lichen Eröff­nung der Bahn­lin­ie begann der reg­uläre Zugverkehr mit täglich vier Zügen in jede Rich­tung. Der Zeit­gewinn war beachtlich. Brauchte die Postkutsche von Mün­ster nach Hamm 4 Stun­den und 20 Minuten, so waren die Züge nur noch 60 Minuten unter­wegs.[6, S. 31]

Der Westfälische Merkurberichtete über die Festfahrt zur Eröffnung der Strecke Münster–Hamm

»Gestern erfol­gte zur Ein­wei­hung der Mün­ster-Ham­mer Eisen­bahn die von der Direk­tion  verkün­dete Fes­t­fahrt. – Gegen 9 1/2 Uhr vor­mit­tags fan­den sich die zum Feste Gelade­nen, so wie sehr viele Aktion­aire [!], Damen und Her­ren, auf dem Bahn­hofe ein. – Der Glanz des Festes wurde erhöht, durch die Theil­nahme Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Walde­mar – Nach­dem der Zug geord­net und die Loko­mo­tive ›Wit­tekind‹ voraus­geeilt war, den Zug anzukündi­gen, fol­gte der­selbe mit einem Musikko­rps an der Spitze geführt von den mit Blu­men und Laubgewinden umkränzten Loko­mo­tiv­en ›Mün­ster‹ und ›Hamm‹« [Zit. nach: 6, S. 26]

Literatur


[1] Wolf­gang Schivel­busch. Geschichte der Eisen­bah­n­reise. Zur Indus­tri­al­isierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhun­dert. 2. Aufl. Frank­furt am Main, 2002 (erst­mals 1977).


[2] Bernd Haunfelder. 150 Jahre Vere­in der Kauf­mannschaft zu Mün­ster von
1835. Mün­ster, 1985.


[3] Richard H. Tilly. »Han­del, Banken, Handw­erk und Indus­trie (1815 –
1945)«. In: S. 541–585.


[4] Clemens Wis­cher­mann. »An der Schwelle der Indus­tri­al­isierung (18001850)«. In: S. 41–162.


[5] Wil­fried Rein­ing­haus. »Eisen­bah­nen zwis­chen Rhein und Weser 18251995«. In: S. 12–73.


[6] Anja Gussek-Rever­mann und Heinz Kil­ian. Mün­ster und die Eisen­bahn. Von den Anfän­gen bis zum Wieder­auf­bau nach dem Zweit­en Weltkrieg. Kleine Schriften aus dem Stadtarchiv Mün­ster, Bd. 6. Mün­ster, 2003.

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